Vom Sicherheitsnetz zum Investoren-Geschenk: Der Elbtower und das gescheiterte Wiederkaufsrecht

Hamburg steht beim Elbtower vor einer Weggabelung – und der Senat ist dabei, die falsche abzubiegen. Statt aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und die Stadt mit einem klugen Einsatz des Wiederkaufsrechts zu stärken, soll nun ein teuer erkaufter Deal mit einem privaten Konsortium den gescheiterten Turm künstlich am Leben halten.

1. Das gescheiterte Wiederkaufsrecht

Der Elbtower war von Beginn an als privatwirtschaftliches Prestigeprojekt verkauft worden – mit der Beruhigungstablette, die Stadt habe ein vertraglich gesichertes Wiederkaufsrecht, mit dem sie im Krisenfall „die Kontrolle übernehmen“ könne. Als die Projektgesellschaft insolvent wurde, hat Hamburg dieses Wiederkaufsrecht tatsächlich beim Insolvenzverwalter angemeldet. Im Raum stand ein Rückkaufpreis von rund 122 Millionen Euro für Grundstück und Rohbau – „ohne Zinsen und abzüglich von fünf Millionen Euro“.

Politisch wurde dieses Recht jahrelang als Sicherheitsnetz präsentiert. In der Praxis hat der Senat es jedoch nicht genutzt, sondern stattdessen die Weichen auf einen Teilkauf mit einem privaten Konsortium gestellt. Damit wurde aus dem Wiederkaufsrecht kein Hebel, um das Projekt auf eine gemeinwohlorientierte Grundlage zu stellen, sondern ein Druckmittel in Verhandlungen, deren Ergebnis nun vor allem die Investorenseite stabilisiert. Eine historische Chance, einen zentralen Stadtbaustein in öffentliche oder gemeinwohlorientierte Hand zu bringen, ist damit faktisch vertan.

Das Wiederkaufsrecht funktioniert allerdings nur, wenn es im Grundbuch eingetragen ist. Das wurde mit Benko und der Signa offenbar nicht verhandelt oder konnte nicht durchgesetzt werden. Wenn ein solches Grundstück an einen windigen, schon damals hochverschuldeten Investor geht, dann kann es da keine Kompromisse geben und das Wiederkaufsrecht hätte wasserdicht eingetragen werden müssen. Dann kann auch kein Insolvenzverwalter daran vorbei. Zumal in der Hamburgischen Verfassung das Ziel festgeschrieben ist, die Kontrolle über möglichst viel Grund- und Boden zu behalten.

Ein Holzmodell des Elbtowers und umliegender HafenCity
Zeichen des Turbokapitalismus als Modell – Foto Wikipedia EN

2. Der Irrweg: 595 Millionen Euro für 12 Etagen

Der aktuelle Plan des Senats sieht vor, rund 46.000 Quadratmeter in den unteren zwölf Etagen des auf 199 Meter geschrumpften Elbtowers zu erwerben und dort das neue Naturkundemuseum („Evolutioneum“) unterzubringen. Für diesen Erwerb – und damit im Kern für knapp die Hälfte des Turms – sollen bis zu 595 Millionen Euro aus dem Hamburger Haushalt bereitgestellt werden. Tschentscher und Dressel begründen dies mit dem Hinweis, dieser Standort sei „günstiger“ als ein vollständiger Museumsneubau, für den sie in eigenen Rechenbeispielen 824 Millionen Euro ansetzen.

Recherchen von Panorama 3 und anderen Medien kommen jedoch zu dem Ergebnis, dass dieser Deal einen Quadratmeterpreis von etwa 13.000 Euro bedeutet – und damit weit über den ohnehin schon hohen Baukosten üblicher Großprojekte liegt. Fachleute bezeichnen diesen Wert als „außerordentlich hoch“ und verweisen darauf, dass der Staat hier nicht nur Flächen erwirbt, sondern vor allem ein gescheitertes Geschäftsmodell rettet. Besonders brisant: Günstigere Alternativen wurden vom Senat aktiv aus dem Verfahren gedrängt. So zeigt eine NDR‑Recherche, dass das Gruner‑&‑Jahr‑Gebäude am Baumwall mit einem Quadratmeterpreis von rund 8.000 Euro und mit erfüllten fachlichen Anforderungen als Museumsstandort aus dem Bewertungsverfahren verschwand.

Statt also Optionen mit moderateren Kosten ernsthaft zu prüfen, wird ein extrem teurer Deal in einer hochriskanten Immobilie durchgesetzt – mit der Erzählung, dieser Schritt sei alternativlos.

3. Wer vom Deal profitiert

Mit dem Einstieg der Stadt in die unteren zwölf Etagen wird der Elbtower für das Käuferkonsortium wirtschaftlich überhaupt erst wieder interessant. Die öffentliche Hand übernimmt die technisch und finanziell schwierigsten Teile des Gebäudes: die unteren Geschosse mit komplexer Erschließung, hoher technischer Ausstattung und besonderen Anforderungen eines Museums. Diese Flächen werden zu einem sehr hohen Preis angekauft und anschließend über Jahrzehnte mit öffentlichen Mitteln betrieben.

Für das Konsortium bedeutet das:

  • Ein stabiler, äußerst bonitätsstarker Anker‑Nutzer (die Stadt bzw. das Naturkundemuseum) füllt fast die Hälfte des Turms.
  • Das Risiko, ob sich der Elbtower überhaupt vermarkten lässt, sinkt massiv, weil der schwierigste Teil vom Staat getragen wird.
  • Die verbleibenden Flächen können als „Nachbarschaft eines Museums‑Leuchtturms“ vermarktet werden – mit erheblichen Wertsteigerungschancen.

Ein Bau‑ und Immobilienrechtler spricht deshalb gegenüber Panorama 3 von einem „Geschenk an die Investoren“. Anstatt das Scheitern eines spekulativen Prestigeprojekts klar zu markieren und daraus Konsequenzen zu ziehen, wird der Elbtower nachträglich haushaltspolitisch stabilisiert – zu Lasten von Schulen, bezahlbarem Wohnraum und sozialer Infrastruktur, für die dieselben Summen seit Jahren angeblich nicht zur Verfügung stehen.

der Elbtower Rohbau mit Kränen wasserseitig fotografiert
Verstummeltes Zeichen des Turbokapitalismus Chance für eine geminnützige Lösung – Foto: ndr.de

4. Was eine genossenschaftliche Gesamtlösung leisten könnte

Statt 595 Millionen Euro nur für die unteren zwölf Etagen eines fremdbestimmten Projekts auszugeben, hätte die Stadt mit dem Wiederkaufsrecht einen ganz anderen Weg wählen können. Mit einem Einstieg von rund 122 Millionen Euro für Grundstück und Rohbau wäre Hamburg in der Lage gewesen, die Immobilie grundlegend neu zu denken: als gemeinwohlorientierten Baustein der Stadtentwicklung, nicht als nachträglich veredelte Spekulationsruine.

Eine denkbare Alternative wäre eine städtisch gestützte Genossenschaft oder ein gemischt öffentlich‑genossenschaftlicher Träger, der den gesamten Turm übernimmt. Die Stadt bringt das Grundstück und den Rohbau über das Wiederkaufsrecht ein; die Fertigstellungskosten von geschätzt 500 bis 600 Millionen Euro werden über langfristige Finanzierung (KfW, Hamburgische Investitions‑ und Förderbank, Bürger:innen‑Anteile, Pensionskassen mit Gemeinwohl‑Mandat) gestemmt. Das Naturkundemuseum wäre dann Ankermieter in einem Haus, das der Stadtgesellschaft gehört, und nicht Lockmittel, um ein privates Prestigeprojekt zu retten.

Ein solcher Turm könnte mehr sein als ein teures Symbol:

  • Flächen für Wissenschaft, Bildung und Kultur – von Universität und HAW bis zu zivilgesellschaftlichen Laboren.
  • Räume für gemeinwohlorientierte Arbeit, Sozialunternehmen und nicht‑kommerzielle Nutzungen.
  • Eine klare soziale und ökologische Leitlinie: keine Luxus‑Büroetagen als Hauptzweck, sondern ein „Turm der Transformation“, in dem Hamburg zeigt, wie Umbau statt Abriss, Klimaschutz und Teilhabe zusammengehen.
  • Nachhaltig ökologisch fertigbauen und als Energietower mit eigenständiger Energie- und Wärmeversorgung ist die angemessene Leuchtturm- und Vorreiterinnen-Antwort im Hinblick auf die Klimakrise und den gewonnenen Zugunftsentscheid

Die Gesamtsumme der Investitionen wäre in beiden Szenarien ähnlich – rund 600 bis 700 Millionen Euro an Fertigstellungs‑ und Ausbaukosten werden so oder so notwendig sein. Der entscheidende Unterschied liegt darin, wohin das Geld fließt und wer die Hoheit über das Gebäude hat:

  • Im jetzigen Senatsmodell fließen 595 Millionen Euro direkt in einen Deal, der private Investoren aus einer Sackgasse befreit und die Stadt dauerhaft in die Rolle der Miet‑ und Kostengarantie drängt.
  • In einer genossenschaftlichen oder städtischen Gesamtlösung wird aus dem Elbtower ein öffentlicher Vermögenswert, dessen Erträge und Gestaltungsspielräume dauerhaft in Hamburg bleiben.

5. Warum ein Kurswechsel nötig ist

Hamburg braucht dringend Investitionen in Schulen, Kitas, Wohnungen, soziale Infrastruktur und die Wärmewende – überall dort wird mit knappen Kassen argumentiert. Gleichzeitig ist der Senat bereit, fast 600 Millionen Euro in die untersten zwölf Etagen eines gescheiterten Prestigeprojekts zu stecken.

Ein verantwortungsvoller Umgang mit öffentlichen Mitteln würde anders aussehen:

  • Neuerliche Verhandlung mit dem Insolvenzverwalter zum angedachten Preis des Wiederkaufsrechts, um Stadtboden und Rohbau zu sichern.
  • Aufbau einer gemeinwohlorientierten Trägerstruktur statt Rettung eines Investorenturms.
  • Naturkundemuseum als Baustein eines öffentlichen Hauses – nicht als Feigenblatt für eine extrem teure Elbtower‑Sanierung.

Hamburg muss sich entscheiden, ob der Elbtower ein Denkmal für spekulative Stadtentwicklung bleibt – oder ob aus dieser Ruine ein Projekt entsteht, das wirklich der Stadt gehört und ihrer Zukunft dient.

Quellen
[1] Museum im Elbtower: Unterdrückt der Senat Alternativen? https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama3/meldungen/museum-im-elbtower-unterdruecktder-senat-alternativen,elbtower-naturkunde-museum-100.html
[2] Möglicher Standort für neues Naturkundemuseum gefunden https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/behoerde-fuer-stadtentwicklung-und-wohnen/aktuelles/pressemeldungen/moeglicher-standort-fuer-neues-naturkundemuseum-gefunden-1107300
[3] Elbtower: Hamburg kauft Olafs Stummel https://taz.de/Wolkenkratzer-Bauruine-an-den-Elbbruecken/!6116611/
[4] Signa-Pleite: Das Elbtower-Problem des Hamburger Senats – Capital https://www.capital.de/wirtschaft-politik/signa-pleite–das-elbtower-problem-des-hamburger-senats-34389042.html
[5] Elbtower-Grundstück: Hamburg will Rückkaufrecht noch nicht nutzen https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Elbtower-Grundstueck-Hamburg-will-Rueckkaufrecht-noch-nicht-nutzen,elbtower248.html
[6] Hamburg meldet Wiederkaufsrecht für Elbtower-Rohbau an https://fink.hamburg/2024/05/hamburg-meldet-wiederkaufsrecht-fuer-elbtower-rohbau-an/
[7] Hamburg: Schritt näher am Rückkauf des Elbtower-Grundstücks https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/immobilien-hamburg-schritt-naeher-am-rueckkauf-des-elbtower-grundstuecks-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-240515-99-38669
[8] Hamburg bereitet sich auf Totalausfall des Elbtower-Investors Signa … https://www.klamm.de/news/hamburg-bereitet-sich-auf-totalausfall-des-elbtower-investors-signa-vor-64N20231229081830.html
[9] Elbtower: Hamburg prüft Teilkauf, will aber keine Wohnungen https://effenberger-immobilien.de/elbtower-hamburg-prueft-teilkauf-will-aber-keine-wohnungen-immobilien/
[10] Warum will Hamburg in Benkos Bauruine? | Panorama https://www.youtube.com/watch?v=D05dMog-A-w
[11] Naturkundemuseum soll in geschrumpften Hamburger Elbtower https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/naturkundemuseum-soll-in-geschrumpften-hamburger-elbtower,naturkundemuseum-100.html
[12] Elbtower: Hamburg plant mit 595 Millionen https://www.ovb-heimatzeitungen.de/blickpunkt/2025/10/14/elbtower-hamburg-plant-mit-595-millionen.ovb
[13] Deal für 600 Mio. Euro! Elbtower-Standort für Naturkundemuseum – sinnvoll oder teuer? | NDR Info https://www.youtube.com/watch?v=RrPpQxaTvn4
[14] Elbtower-Debakel: Wie Hamburg sein Prestigeprojekt … https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/bau/elbtower-fiasko-warum-hamburgs-prestigeprojekt-zum-problemfall-wurde/
[15] Elbtower«: »Das Geld fehlt für soziale Projekte und Schulen« https://www.jungewelt.de/artikel/510876.investitionsruine-elbtower-das-geld-fehlt-f%C3%BCr-soziale-projekte-und-schulen.html
[16] Hamburg: So viel kostet es, den Elbtower fertig zu bauen | MOPO https://www.mopo.de/hamburg/so-viel-kostet-es-den-elbtower-fertig-zu-bauen/
[17] Hamburg: Elbtower rechnet sich nicht für neuen Investor https://www.immobilienmanager.de/hamburg-elbtower-rechnet-sich-nicht-fuer-neuen-investor-13032024
[18] Hamburg will Prestigebau mit viel Geld retten https://www.handelsblatt.com/finanzen/immobilien/elbtower-hamburg-will-prestigebau-mit-viel-geld-retten/100163385.html
[19] Baukostenindex für Mehrfamilienhäuser in Hamburg https://www.stadtblick-architekten.de/bki-baukostenindex-aktuell/

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